Manchmal bekommt man in einem Wellness Ressort unweigerlich auch etwas über die Schicksale der Gäste mit. Sie haben alle genug Geld, um sich etwas leisten zu können. Sie fahren mit tollen Autos vor, haben tolle Kleidung, aber manche von ihnen macht dies nicht glücklich. Sehr oft sind es allein stehende Menschen, die ihren Wellness Urlaub hier verbringen. Sie können sich alles leisten: Die Physiotherapie Anwendungen bezahlen sie aus eigener Tasche und auch für allen anderen Luxus haben sie Geld. Dennoch sitzen sie allein in den Whirlpools, ob nun in jenen in den Suiten oder in denen in der Bäderabteilung. Sie müssen sich immer etwas einfallen lassen, um die Tage herum zu kriegen. Sie sind am Abend im Kasino und auf manchem Sektempfang, gehen in den teuersten Boutiquen einkaufen, können sich Champagner auf das Zimmer bestellen. Aber dennoch erscheinen sie niemals vollends glücklich.
Diese Gäste sind es auch, die das Personal, inclusive meiner Person, am meisten scheuchen. Wenn man ehrlich ist, kann man diese Leute verstehen. Sie sind einsam, haben zu viel Zeit, kaum Abwechslung, und vor allem niemanden zum Reden. Nicht immer haben wir Angestellten Zeit zu einem Pläuschchen und auch die Chefin und der Chef sind nicht immer ansprechbar. Dann, wirklich genau dann, wird mancher Sonderwunsch geäußert. Ein frisches Handtuch, einen Karottensaft, ein Glas Prosecco: Die Wünsche sind verschieden. Je weniger Zeit man ohnehin schon hat, um sich um jeden einzelnen Gast in den Whirlpools zu kümmern, umso anspruchsvoller werden die einsamen Gäste. Diejenigen, die zu zweit oder gar in der Gruppe angereist sind, sind meistens mit sich selber beschäftigt. Die anderen fühlen sich dann noch mehr vernachlässigt als sonst und werden auch umso schneller ungehalten. Man möchte manchmal wegen der durchaus passierenden Ungerechtigkeiten aus der Haut fahren, verstünde man nicht so gut, warum diese Menschen so reagieren. Ein kleines bisschen Diplomatie, aber auch ein wenig Psychologie muss man schon mitbringen, wenn man in unserem Beruf beziehungsweise in unserer Branche arbeitet.
Einsame Männer neigen natürlich auch dazu, uns weibliche Angestellte mit etwas anderen Augen zu sehen. Die einen schauen nur schüchtern, die anderen werden direkt anzüglich. Hier muss man ganz vorsichtig sein. Der Gast darf nicht merken, dass seine Annäherungsversuche eigentlich mehr als unwillkommen sind. Schroffe Abweisung sollte so lange vermieden werden, wie es mit dem eigenen Ich vereinbar ist. Natürlich muss man sich nicht anfassen lassen oder durch eindeutige Sprüche aus der Fassung bringen lassen. Ein wenig Flirten und Schäkern sollte aber für jede einzelne von uns kein Problem sein, so lange es sich in den anständigen Grenzen abspielt. Keine von uns wird über ihren Schatten springen müssen, aber grundsätzliche Ablehnung darf auch nicht erkennbar sein. Oft reicht es schon, wenn man ein wenig nett ist, über allgemeine Themen ein Gespräch führt, und so weiter. Meist gibt es ja auch ordentliche Trinkgelder, wenn man die Herren der Schöpfung etwas zum Mittelpunkt macht, ohne sie zu nahe an sich heran zu lassen. Auch die Damen, die allein und mit dickem Portemonnaie anreisen, wissen, um die Gunst der männlichen Mitarbeiter zu buhlen. Aber auch sie könnten eventuell ungehalten reagieren, wenn sie ihre Wünsche nicht erfüllt bekommen, weil sich zum Beispiel der 25-jährige Masseur nicht auf amouröse Abenteuer mit der 55-jährigen, wenn auch attraktiven, Dame von Welt einlassen will.
Jeder Tag bei uns birgt Überraschungen, Ärger, Sorgen und Nöte. Und jeden Tag arbeiten wir alle daran, das Beste für alle Beteiligten zu erreichen. Und wenn dazu ein halbes Stündchen Unterhaltung über Gott und die Welt gehört, um die Einsamkeit eines Gastes im Whirlpool zu unterbrechen; warum nicht?
